Wandel statt rasendem Stillstand: 75 Jahre HBV

Als sie 1950 gegründet wurde, begann der Nordkoreakrieg, verfolgte in den USA Senator McCarthy Andersdenkende und der Adenauererlass forderte die Verfassungstreue der Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Geschichte wiederholt sich nicht, aber manches beschäftigt uns immer wieder neu. 75 Jahre später hat sich die Zeitschrift „Hessische Blätter für Volksbildung (HBV)“ als Klassiker der Erwachsenenbildung etabliert. Bernd Käpplinger blickt zurück nach vorn.

„Hessische Blätter für Volksbildung“ wirkt als Titel in der denglischen Businesswelt so modisch wie Tennissocken in Sandalen. Aber in den Retro-Wellen rund um Schallplatten und Bleistifthosen sind auch die wieder angesagt. Und Markennamen wie Volkswagen, Volksbank oder Volksbühne gehören zum täglichen Vokabular. Nach 75 Jahren steht die HBV in einer großen Tradition und zeigt, dass sie Themen aus der Erwachsenenbildung mit langem Atem bearbeiten kann, auf der Grundlage von bestehendem Wissen, aber immer neugierig, sondierend und einordnend. Dafür sind Artikel in den letzten Ausgaben symptomatisch: Politisches Lernen auf TikTok, Kooperationskultur am Beispiel von Microcredentials oder Design-Thinking im Kontext von Biografiearbeit. Im Idealfall geht also beides, Kontinuität UND Wandel statt nur rasendem Stillstand.

Jubiläumsheft als Paradebeispiel für den Dialog zwischen Alt und Neu sowie zwischen Wissenschaft und Praxis
Die Ausgabe zum 75. Jubiläum ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Redaktion verschiedene Perspektiven zusammenbringt. Für das Jubiläumsheft haben wir aktuelle Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft wie Praxis eingeladen, frühere HBV-Artikel aus 75 Jahren zu kommentieren. Was ist an den alten Artikeln weiterhin aktuell? Was ist mittlerweile historisch? Wo ist man heute weiter? Wo ist man zurückgefallen? Was weiß man heute mehr? Was hat man (leider) vergessen? Anke Grotlüschen blickt auf einen Text von Willy Strzelewicz zu Leitstudien der Bildungsforschung kritisch zurück, Torsten Denker entdeckt bei Barbara Degen-Zelazny Interessantes von und für die Praxis zum Thema Zielgruppenarbeit und Demokratie. Und der Leipziger Rolf Sprink widerspricht fundiert dem Saarländer Detlef Oppermann bei einem Artikel aus dem Herbst 1989 zur Deutschen Einheit bzw. Unterschiedlichkeit.
 

75 Jahre und (immer noch) kein bisschen leise
Dass die Hessischen Blätter für Volksbildung schon seit 1950 existieren, macht sie zu einer der ältesten, wenn nicht sogar der ältesten, noch existierenden Fachzeitschrift im Bereich (Erwachsenen-)Pädagogik im deutschsprachigen Raum. Seit ihrer Gründung als Verbandszeitschrift in der hessischen Erwachsenenbildung sind die HBV unverzichtbarer Bestandteil der Erwachsenenbildungsforschung und der Bildungspraxis. Die Herausgabe der HBV wird neben dem Hessischen Volkshochschulverband durch den Deutschen Volkshochschul-Verband und den Niedersächsischen Volkshochschulverband finanziell unterstützt. Pro Jahr informieren vier Ausgaben über aktuelle wissenschaftliche und Praxisthemen, geschrieben von Universitätskolleginnen und -kollegen mit Peer-Review-Verfahren sowie von Vertreterinnen und Vertretern aus der Erwachsenenbildungspraxis. In der Redaktionskonferenz sitzen sowohl Wissenschaftler:innen als auch Praktiker:innen und bereichern sich wechselseitig mit ihren Perspektiven und Kompetenzen, was in ausgiebigem Feedback an die Autorinnen und Autoren zurückfließt.

Seit der ersten Ausgabe des Jahres 2020 erscheinen die HBV digital im Open Access, alle Ausgaben ab 2008 stehen zum kostenfreien Download im Archiv der HBV bereit. Jährlich werden - mit stark steigender Tendenz - fast 100.000 Downloads erreicht. Eine riesige Resonanz für eine Fachzeitschrift.

Fazit: In den HBV debattieren Wissenschaft UND Praxis kritisch und konstruktiv auf Augenhöhe. In diesem Sinne auf die nächsten 75 Jahre der HBV!

 

Der Autor
Prof. Dr. Bernd Käpplinger (Jg. 1972) ist Professor für Weiterbildung an der Universität Gießen und Mitherausgeber der Zeitschrift „Hessische Blätter für Volksbildung“. Er forscht zu Bildungsberatung, Programmplanung, betrieblicher Weiterbildung und historischer Erwachsenenbildung. 


Die Hessischen Blätter für Volksbildung (HBV) sind das pädagogische Fachorgan des Hessischen Volkshochschulverbandes e.V. (hvv).  Pro Jahr erscheinen vier Themenhefte jeweils als kostenlose digitale Ausgabe sowie als Printausgabe, die auch im Abonnement bezogen werden kann. Mit ihrem Abobeitrag ermöglichen die Abonnent:innen die Verfügbarkeit im Open Access, stärken den Wissenschaft-Praxis-Dialog in der Erwachsenen- und Weiterbildung und unterstützen die Offenheit von Wissenschafts- und Bildungsinformationen.  Hessische Blätter für Volksbildung


geschrieben am 19.03.2025

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